Zwar ist's mit der Gedankenfabrik
Wie mit einem Weber-Meisterstuck,
Wo ein Tritt tausend Faden regt,
Die Schifflein heruber hinuber schiessen,
Die Faden ungesehen fliessen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlagt.
Wie mit einem Weber-Meisterstuck,
Wo ein Tritt tausend Faden regt,
Die Schifflein heruber hinuber schiessen,
Die Faden ungesehen fliessen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlagt.
Goethe - Faust- Der Tragödie erster Teil
MEPHISTOPHELES:
Das kommt nur auf Gewohnheit an.
So nimmt ein Kind der Mutter Brust
Nicht gleich im Anfang willig an,
Doch bald ernahrt es sich mit Lust.
So wird's Euch an der Weisheit Brusten
Mit jedem Tage mehr gelusten.
SCHULER:
An ihrem Hals will ich mit Freuden hangen;
Doch sagt mir nur, wie kann ich hingelangen?
MEPHISTOPHELES:
Erklart Euch, eh Ihr weiter geht,
Was wahlt Ihr fur eine Fakultat?
SCHULER:
Ich wunschte recht gelehrt zu werden,
Und mochte gern, was auf der Erden
Und in dem Himmel ist, erfassen,
Die Wissenschaft und die Natur.
MEPHISTOPHELES:
Da seid Ihr auf der rechten Spur;
Doch musst Ihr Euch nicht zerstreuen lassen.
SCHULER:
Ich bin dabei mit Seel und Leib;
Doch freilich wurde mir behagen
Ein wenig Freiheit und Zeitvertreib
An schonen Sommerfeiertagen.
MEPHISTOPHELES:
Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen,
Doch Ordnung lehrt Euch Zeit gewinnen.
Mein teurer Freund, ich rat Euch drum
Zuerst Collegium Logicum.
Da wird der Geist Euch wohl dressiert,
In spanische Stiefeln eingeschnurt,
Dass er bedachtiger so fortan
Hinschleiche die Gedankenbahn,
Und nicht etwa, die Kreuz und Quer,
Irrlichteliere hin und her.
Dann lehret man Euch manchen Tag,
Dass, was Ihr sonst auf einen Schlag
Getrieben, wie Essen und Trinken frei,
Eins! Zwei! Drei! dazu notig sei.
Zwar ist's mit der Gedankenfabrik
Wie mit einem Weber-Meisterstuck,
Wo ein Tritt tausend Faden regt,
Die Schifflein heruber hinuber schiessen,
Die Faden ungesehen fliessen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlagt.
Der Philosoph, der tritt herein
Und beweist Euch, es musst so sein:
Das Erst war so, das Zweite so,
Und drum das Dritt und Vierte so;
Und wenn das Erst und Zweit nicht war,
Das Dritt und Viert war nimmermehr.
Das preisen die Schuler allerorten,
Sind aber keine Weber geworden.
Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt, leider! nur das geistige Band.
Encheiresin naturae nennt's die Chemie,
Spottet ihrer selbst und weiss nicht wie.
SCHULER:
Kann Euch nicht eben ganz verstehen.
MEPHISTOPHELES:
Das wird nachstens schon besser gehen,
Wenn Ihr lernt alles reduzieren
Und gehorig klassifizieren.
SCHULER:
Mir wird von alledem so dumm,
Als ging, mir ein Muhlrad im Kopf herum.
MEPHISTOPHELES:
Nachher, vor allen andern Sachen,
Musst Ihr Euch an die Metaphysik machen!
Da seht, dass Ihr tiefsinnig fasst,
Was in des Menschen Hirn nicht passt;
Fur was drein geht und nicht drein geht,
Ein prachtig Wort zu Diensten steht.
Doch vorerst dieses halbe Jahr
Nehmt ja der besten Ordnung wahr.
Funf Stunden habt Ihr jeden Tag;
Seid drinnen mit dem Glockenschlag!
Habt Euch vorher wohl prapariert,
Paragraphos wohl einstudiert,
Damit Ihr nachher besser seht,
Dass er nichts sagt, als was im Buche steht;
Doch Euch des Schreibens ja befleisst,
Als diktiert, Euch der Heilig Geist!
SCHULER:
Das sollt Ihr mir nicht zweimal sagen!
Ich denke mir, wie viel es nutzt
Denn, was man schwarz auf weiss besitzt,
Kann man getrost nach Hause tragen.