Gretchen
unter vielem Volke.
Goethe - Faust- Der Tragödie erster Teil
Sollst keine goldne Kette mehr tragen!
In der Kirche nicht mehr am Altar stehn!
In einem schonen Spitzenkragen
Dich nicht beim Tanze wohlbehagen!
In eine finstre Jammerecken
Unter Bettler und Kruppel dich verstecken,
Und, wenn dir dann auch Gott verzeiht,
Auf Erden sein vermaledeit!
MARTHE:
Befehlt Eure Seele Gott zu Gnaden!
Wollt Ihr noch Lastrung auf Euch laden?
VALENTIN:
Konnt ich dir nur an den durren Leib,
Du schandlich kupplerisches Weib!
Da hofft ich aller meiner Sunden
Vergebung reiche Mass zu finden.
GRETCHEN:
Mein Bruder! Welche Hollenpein!
VALENTIN:
Ich sage, lass die Tranen sein!
Da du dich sprachst der Ehre los,
Gabst mir den schwersten Herzensstoss.
Ich gehe durch den Todesschlaf
Zu Gott ein als Soldat und brav.
(Stirbt. )
Dom
Amt, Orgel und Gesang.
Gretchen unter vielem Volke. Boser Geist hinter
Gretchen.
BOSER GEIST:
Wie anders, Gretchen, war dir's,
Als du noch voll Unschuld
Hier zum Altar tratst
Aus dem vergriffnen Buchelchen
Gebete lalltest,
Halb Kinderspiele,
Halb Gott im Herzen!
Gretchen!
Wo steht dein Kopf?
In deinem Herzen
Welche Missetat?
Betst du fur deiner Mutter Seele, die
Durch dich zur langen, langen Pein hinuberschlief?
Auf deiner Schwelle wessen Blut?
- Und unter deinem Herzen
Regt sich's nicht quillend schon
Und angstet dich und sich
Mit ahnungsvoller Gegenwart?
GRETCHEN:
Weh! Weh!
War ich der Gedanken los,
Die mir heruber und hinuber gehen
Wider mich!
CHOR:
Dies irae, dies illa
Solvet saeclum in favilla.
(Orgelton. )
BOSER GEIST:
Grimm fasst dich!
Die Posaune tont!