So wird's Euch an der
Weisheit
Brusten
Mit jedem Tage mehr gelusten.
Mit jedem Tage mehr gelusten.
Goethe - Faust- Der Tragödie erster Teil
(Faust ab. )
MEPHISTOPHELES (in Fausts langem Kleide):
Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhochste Kraft,
Lass nur in Blend- und Zauberwerken
Dich von dem Lugengeist bestarken,
So hab ich dich schon unbedingt-
Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,
Der ungebandigt immer vorwarts dringt,
Und dessen ubereiltes Streben
Der Erde Freuden uberspringt.
Den schlepp ich durch das wilde Leben,
Durch flache Unbedeutenheit,
Er soll mir zappeln, starren, kleben,
Und seiner Unersattlichkeit
Soll Speis und Trank vor gier'gen Lippen schweben;
Er wird Erquickung sich umsonst erflehn,
Und hatt er sich auch nicht dem Teufel ubergeben,
Er musste doch zugrunde gehn!
(Ein SCHULER tritt auf. )
SCHULER:
Ich bin allhier erst kurze Zeit,
Und komme voll Ergebenheit,
Einen Mann zu sprechen und zu kennen,
Den alle mir mit Ehrfucht nennen.
MEPHISTOPHELES:
Eure Hoflichkeit erfreut mich sehr!
Ihr seht einen Mann wie andre mehr.
Habt Ihr Euch sonst schon umgetan?
SCHULER:
Ich bitt Euch, nehmt Euch meiner an!
Ich komme mit allem guten Mut,
Leidlichem Geld und frischem Blut;
Meine Mutter wollte mich kaum entfernen;
Mochte gern was Rechts hieraussen lernen.
MEPHISTOPHELES:
Da seid Ihr eben recht am Ort.
SCHULER:
Aufrichtig, mochte schon wieder fort:
In diesen Mauern, diesen Hallen
Will es mir keineswegs gefallen.
Es ist ein gar beschrankter Raum,
Man sieht nichts Grunes, keinen Baum,
Und in den Salen, auf den Banken,
Vergeht mir Horen, Sehn und Denken.
MEPHISTOPHELES:
Das kommt nur auf Gewohnheit an.
So nimmt ein Kind der Mutter Brust
Nicht gleich im Anfang willig an,
Doch bald ernahrt es sich mit Lust.
So wird's Euch an der Weisheit Brusten
Mit jedem Tage mehr gelusten.
SCHULER:
An ihrem Hals will ich mit Freuden hangen;
Doch sagt mir nur, wie kann ich hingelangen?
MEPHISTOPHELES:
Erklart Euch, eh Ihr weiter geht,
Was wahlt Ihr fur eine Fakultat?
SCHULER:
Ich wunschte recht gelehrt zu werden,
Und mochte gern, was auf der Erden
Und in dem Himmel ist, erfassen,
Die Wissenschaft und die Natur.
MEPHISTOPHELES:
Da seid Ihr auf der rechten Spur;
Doch musst Ihr Euch nicht zerstreuen lassen.
SCHULER:
Ich bin dabei mit Seel und Leib;
Doch freilich wurde mir behagen
Ein wenig Freiheit und Zeitvertreib
An schonen Sommerfeiertagen.
MEPHISTOPHELES:
Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen,
Doch Ordnung lehrt Euch Zeit gewinnen.
Mein teurer Freund, ich rat Euch drum
Zuerst Collegium Logicum.
Da wird der Geist Euch wohl dressiert,
In spanische Stiefeln eingeschnurt,
Dass er bedachtiger so fortan
Hinschleiche die Gedankenbahn,
Und nicht etwa, die Kreuz und Quer,
Irrlichteliere hin und her.
Dann lehret man Euch manchen Tag,
Dass, was Ihr sonst auf einen Schlag
Getrieben, wie Essen und Trinken frei,
Eins! Zwei! Drei! dazu notig sei.
Zwar ist's mit der Gedankenfabrik
Wie mit einem Weber-Meisterstuck,
Wo ein Tritt tausend Faden regt,
Die Schifflein heruber hinuber schiessen,
Die Faden ungesehen fliessen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlagt.
Der Philosoph, der tritt herein
Und beweist Euch, es musst so sein:
Das Erst war so, das Zweite so,
Und drum das Dritt und Vierte so;
Und wenn das Erst und Zweit nicht war,
Das Dritt und Viert war nimmermehr.
Das preisen die Schuler allerorten,
Sind aber keine Weber geworden.